Archive for November, 2008

Trotzkopf

Samstag, November 29th, 2008

Ein bisschen wehmütig schaue ich aus dem Fenster hinaus. So urplötzlich wie der Schnee über uns hereinbrach, so schnell ist er auch schon wieder verschwunden. .… Werde ich jemals wieder einen richtigen Winter erleben, so wie früher, als Kind? Sehnsüchtig denke ich zurück an damals, an wochenlange Winterfreuden, ans Schlittenfahren mit Freunden, … wie wir den mit Schnee beladenen Feldweg hinuntersausten, bis tief in den Wald hinein… Nicht so gern denke ich an den Tag, an dem ich als Schulkind beim Schlittern auf dem Eis ausrutschte, hinfiel, auf meine Zähne. Und von da an Jahre lang mit einem abgebrochenen Schneidezahn entstellt war, bis ich irgendwann einen „Stiftzahn“ bekam. ..Ach, ja, ich hab es überlebt… Ebenso wie ich meine `winterliche Trotzaktion´ überlebt habe, obwohl ich damals am liebsten im Erdboden versunken wäre…

 

Es war an einem Sonntag. Ich war zwölf Jahre alt. Damals verfügte noch nicht jedes Haus in unserem Dorf über einen Telefonanschluss. Genau genommen gab es nur zwei Telefone im ganzen Dorf und eines davon hatten wir. Sehr zu meinem Leidwesen. Denn immer wieder musste ich zu irgendwelchen Leuten im Dorf laufen, um sie an unser Telefon zu holen, weil jemand für sie angerufen hatte und auf Antwort wartete. So war es auch an diesem bewussten  Sonntag.

Ich sollte ins Haus nebenan gehen, um meinem Onkel Bescheid zu sagen, dass für ihn ein Anruf eingegangen war. Ich hatte aber keine Lust in die Kälte raus zu gehen, wollte lieber in meinem Zimmer bleiben und weiter Schallplatten hören und Poster aufhängen. Doch mein bockiges „Nein, ich geh nicht!“ - Gebrüll und auch die wütenden Trotztränen beeindruckten meine Eltern kein bisschen. Ich musste mich ins Unvermeidliche fügen.

Doch so leicht gab ich mich nicht geschlagen. Um die an mir verübte Ungerechtigkeit zu demonstrieren … zog ich meine gelb-roten Hochplateau-Sommerschuhe an und weigerte mich zudem, eine Winterjacke überzuziehen…  Und wenn ich mich nun erkälten oder mit meinen Sommerschuhen auf dem Schnee ausrutschen würde, dann wären das meine Eltern schuld, weil die mich bei dem eisigen Wetter raus schickten. Jawohl… - Und schwupps, war ich raus aus dem Haus, ehe mich jemand zurückhalten konnte.

Die besorgten „Du wirst doch wohl so nicht raus gehen?“ – Rufe nahmen meine Ohren mit Genugtuung auf. Und das Gefühl des Triumphes wärmte mich auf meinem Weg, so dass ich die Winterjacke tatsächlich nicht vermisste. `Eine gelungene Darbietung, ein super Abgang, Wally, das war bühnenreif´, applaudierte es in mir. Ich war stolz auf mich.  Tja .. und so kam es, wie es kommen musste…ich hatte es ja förmlich `herbeigerufen´…

 

Kaum auf der Straße angekommen, knickte ich im dicken Schnee weg und fiel hin. Blieb einen Moment liegen, überlegte, ob ich diese Situation für einen zusätzlichen  `Dramenakt´ nutzen sollte, um so die Ungerechtigkeit meiner Eltern noch stärker hervorzuheben. Aber weil mir auf einmal kalt wurde, entschied ich mich dafür, lieber schnell aufzustehen und meinen Auftrag hinter mich zu bringen. Also stand ich auf.

Und fiel sofort wieder hin, auf meinen Allerwertesten. Aua!

Drei weitere Aufsteh-Versuche endeten ebenso mit dem Po im Schnee. Ich verfluchte mich insgeheim, dass ich so kindisch trotzig gewesen war, mit meinen Sommerschuhen in den Schnee hinaus zu gehen. Langsam wurde ich wütend. Weil ich mir so albern vorkam. Hoffentlich sah mir keiner zu. Voll peinlich, dass ich immer wieder in den Schnee fiel… Und seltsam, dass mein linker Fuß auf einmal mit den Zehen nach rechts zeigte…

Und dann ging alles sehr schnell. Ich erlebte es, als wäre es ein Traum, der im Zeitraffer ablief.

Die Nachbarin von gegenüber kam aus ihrem Haus gelaufen, rief irgendwas zu mir, lief dann zum Haus meines Onkels, der kam eilig angerannt, hievte mich auf seine kräftigen Arme, ächzte dabei schwer – was kein Wunder war, bei meinem Moppel-Gewicht – legte mich bei uns zu Hause in einem Sessel ab mit den Worten: „Ich glaub, die hat den Fuß kaputt“ und erledigte dann, wo er schon mal hier war, auch sein Telefongespräch.

Von dem was danach passierte, weiß ich nicht mehr viel. Nur noch, dass meine Mutter den Arzt im Krankenhaus zu belehren versuchte, dass mein Fuß nicht gebrochen, sondern nur stark verstaucht wäre, woraufhin der Arzt sich genötigt fühlte, seine Berufsehre vehement zu verteidigen und mehrfach, immer lauter werdend darauf beharrte, dass der Fuß ganz klar gebrochen wäre, sogar schwierig gebrochen, er müsse operiert werden.

Mir war, als würde ich einem erbitterten Hahnenkampf zusehen. Irgendwann war der Kampf ausgefochten. Der Arzt hatte gewonnen. Meine Mutter weinte. Ich weinte auch, obwohl ich nicht so recht wusste, warum. Das wurde mir erst klar, als ich auf dem OP Tisch lag und vor Angst zitterte, Angst vor der Operation, Angst vor wochenlangem Krankenhausaufenthalt, Angst, vielleicht an Weihnachten nicht zu Hause zu sein.

Nach drei Wochen Liegegips wurde mir vom Oberschenkel an bis zu den Zehen ein Gehgips angepasst. Damit durfte ich endlich wieder nach Hause, kurz vor Weihnachten.

Im Januar hieß es in der Zeitung, es wäre der „Winter der gefallenen Mädchen“, denn ungewöhnlich viele Frauen und Mädchen hätten in diesem Winter Bein- Fuß oder Armbrüche erlitten.

 … So wurde ich zu einem `gefallenen Mädchen´… und nicht nur auf meinen gebrochenen Fuß bezogen. Denn durch dieses Erlebnis war auch die Trotzmauer in mir gefallen,  der kindische Trotz endgültig gebrochen. Zum Glück. Denn dadurch wurde ich vermutlich vor weiteren unsinnigen Handlungen bewahrt. Wer weiß, was mir sonst noch so alles passiert wäre…

 

Ich wende mich vom Fenster ab. Lächle. Niemals geht man so ganz, heißt es. Stimmt. Denn der Trotzkopf in mir hatte sich nicht einfach in Luft aufgelöst, wie ich mittlerweile weiß. Er hat nur geschlafen und sich später eine neue Bleibe gesucht. Treibt jetzt im Kopf meiner Tochter ihr Unwesen. Manchmal. Obwohl sie jetzt schon vierzehn Jahre alt ist, sind ihre Trotzausbrüche nicht weniger geworden… Besser, ich entferne ihre Sommerschuhe aus dem Schuhschrank und verstecke sie im Keller. Man weiß ja nie…

 

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Hast auch du Erinnerungen an Erlebnisse im Schnee? Bestimmt, denn ich weiß, du liebst den Schnee. Erzähle uns von dir … Martina.

Wally

Zweiter Versuch: Domino

Sonntag, November 23rd, 2008

Liebe Freunde des blauen Buches,

ein Jahr und fast drei Monate nach dem ersten starte ich einen neuen Versuch zu einem “Zufallsbuch” rund um die Welt. Während ich letztes Mal jedoch ein jungfräulich leeres Buch auf die Reise geschickt habe um Inhalt zu sammeln, mache ich diesmal den zweiten vor dem ersten Schritt. Den Inhalt suche ich per Mails, die wie ein Dominospiel immer weiter gehen sollen, und das Buch liefere ich nach, sobald sich die Sache zu einem gewissen Umfang gemausert hat. Vorausgesetzt natürlich, es sammeln sich qualitative, spannende und informative Berichte. Aber ich bin sicher, jeder Mensch hat etwas zu erzählen, das andere interessieren könnte. Je weiter die Mail-Kette geht, desto packender könnte es werden.

Hier also die Spielregeln:

1. Dieser Brief kommt als Mail zu dir. Die Kopie kannst du im www.blauer-buchblog.de lesen.
2. Du schreibst eine Antwort oder Ergänzung oder Fortsetzung oder eine neue Fragestellung, etwas aus deinem (Er-)Leben gerade jetzt, aus der Erinnerung oder deinen Träumen.
3. Du schickt deinen Text als Mail an eine Person, von der du denkst, sie würde gerne mitmachen und die Kette nicht abreissen lassen.
4. Die Kopie davon kommt als Cc an
bdt@sunrise.ch. Sie wird im Blog für alle Blogleser sichtbar ein. Die Adressen bleiben unsichtbar, um Missbrauch zu verhindern.
5. Auf jeder Mail, die so weitergeht, sind diese Spielregeln sowie die Mail- und Blogadresse sichtbar. So können alle jederzeit die Fortsetzung “ihrer” Geschichte mitverfolgen.

Nun “verlege” ich also meine erste Mailgeschichte! Ich sitze gerade in meinem Arbeitszimmer unter dem Dach. Draussen regnet’s in den letzte Nacht frisch gefallenen Schnee hinein und der Wind bläst ordentlich ums Haus. Das erinnert mich an den Tag, als der Sturm Lothar durch die Schweiz fegte und einzelne Dächer von den Häusern riss. Ganze Waldgebiete wurden umgefegt, als wären es Dominosteinchen. Ich sass mit meinem Freund auf einem Sessel-Skilift, als es begann und war heilfroh, als wir nach etlichen Stopps oben angekommen waren. Währenddessen waren meine Kinder bei ihrem Vater. Er wollte mit ihnen in eine Waldhütte fahren, kurvte um den ersten und den zweiten gefallenen Baum noch herum, schob den dritten zur Seite und sagte erst beim vierten, es sei wohl besser, zu wenden. Davon erzählen die Kinder heute noch. Wir hatten alle Glück. Und wenn ich seither den Wind ums Haus pfeifen höre, hoffe ich einfach, dass das Dach hält!

Viel Spass beim Weitererzählen… Wally

Dodo