Archive for the ‘Domino’ Category

Wege ins Ungewisse

Dienstag, März 10th, 2009

Ein Weg, der viel wichtiger war als das Ziel selbst?
Lange habe ich gegrübelt. Immer wieder dachte ich:
“Das ist nicht die richtige Antwort.”
Eine schwere Frage hat sich Martina da ausgedacht!

Aber… ich stelle mich den Dingen. Es  ist  nicht ein Weg, der wichtiger als das Ziel war, vielmehr sind es viele Wege… Ich war vielleicht 14 Jahre alt, meine Cousens sieben und neun Jahre.
Wir lebten in Berlin, nahe am Kurfürstendamm. Sonntags kamen unsere ganzen Familienangehörigen zusammen. Meine Aufgabe war es dann, mich mit Micha und Andi zu beschäftigen. Bei schönem Wetter durften wir dann vor die Tür gehen. Anstelle in der Nähe zu bleiben, machten wir uns auf den Weg, von der Uhlandstraße, wo ich wohnte, einfach los zu gehen. Gerade aus, dann links, dann rechts, dann dort, dann immer weiter. Einer von den Jungs zog wieder eine Ecke weiter. Irgendwann waren wir dann an uns völlig unbekannten Orten.
Ein Blick auf die Uhr sagte mir, wir sollten den Heimweg antreten.
Aber, wo ging es lang? Wo waren wir hergekommen? Wo wollten wir lang?
Ich hatte eine so miserable Orientierung, dass wir uns wirklich verlaufen hatten.
Jetzt begann der spannendste Teil unseres Wegs:
„Entschuldigen Sie bitte, wie kommen wir in die Uhlandstraße?“, so fragten wir. Ich hatte echt keine Ahnung, wo wir waren. Aber die Uhlandstraße war und ist ja bekannt in Berlin und so konnten uns nette Menschen helfen, unseren Weg zu finden. Klar, das Ziel war mein Zuhause, wo meine Eltern, meine Tanten und Onkels nichts von unseren sonntäglichen Ausflügen wussten. Sie hätten sich bestimmt große Sorgen um uns gemacht. Wir hatten nie unser Ziel im Auge behalten, wir freuten uns jedes Mal auf diese Wege. Und manchmal hatten wir richtig Angst, weil wir merkten, dass wir weit weg von zu Hause waren.
Keiner von uns dreien hat je den Erwachsenen verraten, was wir gemacht haben. Sie hätten es uns bestimmt verboten.
Es sind seither einige Jahrzehnte vergangen, beide Jungs sind schon lange gestorben. Aber diese Erinnerung bleibt: „Der Weg war unser Ziel!“

Hast du Erinnerungen an eine Nachtwanderung und kannst Du uns davon berichten, lieber Rolf?

Ika

Ein Eimer Schnee

Montag, Januar 26th, 2009

Erinnerungen an Erlebnisse im Schnee? Hmmm… Da kommt mir spontan ein Eimer Schnee in den Sinn und die Berge…

 

Meine Eltern fuhren jedes Jahr im Sommer mit mir für drei Wochen nach Österreich in den Urlaub. Es war für mich immer die schönste Zeit im Jahr. Ich liebte es schon als Kind draußen in der Natur zu sein. Und die Berge liebte ich besonders. Wie oft ging ich an Papas Hand die Berge rauf und runter. Laufen machte mir nichts aus. Im Gegenteil.

Wir gehörten zu den verrückten Urlaubern, die in drei Wochen alle Hütten „abwanderten“, um eine Urkunde und eine Wandernadel, möglichst in Gold, zu erhalten. Und wir hatten auch noch Spaß dabei. Meine Mutter erzählte mir, dass ich oft als Erste oben war und ihnen lachend zurief: „Wo bleibt ihr lahmen Enten denn?“ Und als Belohnung gab es auf der Berghütte dann Kaiserschmarrn und Schiwasser, Wasser mit Himbeersirup.

 

In einem Jahr waren meine Tante, mein Onkel und mein Cousin zur gleichen Zeit wie wir in der Steiermark in Urlaub. Mein Cousin und seine Familie brauchten noch einen Stempel von einer ganz bestimmten Berghütte, um eine Wandernadel zu bekommen. Meine Eltern und ich hatten diesen Stempel schon längst in unseren Heftchen. An jenem Tag regnete es in Strömen. Trotzdem wanderten mein Paps, mein Cousin und ich zu der Hütte rauf, holten den Stempel und rannten wieder hinunter. Soweit ich mich erinnere gab es ein Gewitter und wir sahen, wie an dem Berg gegenüber ein Blitz in einen Baum einschlug. Somit hatten wir es eilig runterzukommen. Da solch ein Tempo bei einem Abstieg im Regen in den Bergen nicht so ungefährlich ist, Gewitter aber auch nicht, hielt mein Paps mich die ganze Zeit an der Hand. Und ich wusste, an seiner Hand konnte mir nichts passieren. Bei meinem Paps war ich immer sicher.

 

Mit meinem Paps konnte man verrückte Sachen machen. Er war ein humorvoller Mann, der gerne lachte und gerne „Quatsch machte“, wie ich es als Kind so schön formulierte. Und er war immer voller Energie und Power. Das ist eine Seite von ihm, die ich besonders mochte. Er brachte mich oft zum Lachen.

 

Aber was hat das jetzt mit Schnee zu tun und mit einem Eimer? Ganz einfach. In diesem einen Jahr hatte es in den höheren Lagen geschneit. Und ich erinnere mich, wie wir wegen des Schnees an jenem Tag mit dem Auto eine schmale Straße hinauf zum Hochwurzen in der Steiermark gefahren sind. Wir verbrachten dort mit Sicherheit ein paar schöne Stunden im Schnee, so genau weiß ich das gar nicht mehr. Aber da Schnee lag, mussten es schöne Stunden gewesen sein. Ich liebe nämlich Schnee. Woran ich mich aber noch genau erinnere ist der Eimer mit Schnee. Mein Paps füllte einen Eimer mit Schnee und hängte ihn an den Außenspiegel vom Auto, damit er beim Hinunterfahren nicht sofort schmilzt. Möglicherweise war ich diejenige, die gerne Schnee mit nach unten nehmen wollte, vielleicht aber war es auch die Idee meines Vaters. Daran erinnere ich mich nicht mehr. Zuzutrauen ist es uns beiden. Und so sind wir dann mit einem Eimer Schnee am Außenspiegel wieder vom Hochwurzen herunter zu unserer Pension gefahren. Dass ich als Kind einen Heidenspaß dabei hatte, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Aber mein Vater hatte nicht weniger Spaß. Wie viel Schnee letztendlich davon an der Pension noch übrig war, das weiß ich nicht mehr. Doch darauf kommt es letztendlich nicht an. Alles was zählt ist, dass wir Spaß hatten und gelacht haben. Der Weg ist eben das Ziel…

 

Kannst du auch von einem Weg berichten, der viel wichtiger war, als das Ziel selbst? Dann erzähle uns doch davon… liebe Sabine.

Liebe Grüße,

Martina (Mamü)

(Nachtrag:)
Und weil Sabine nicht davon erzählen will, heisst es nun:

Kannst du auch von einem Weg berichten, der viel wichtiger war, als das Ziel selbst? Dann erzähle uns doch davon… liebe Ika.

Trotzkopf

Samstag, November 29th, 2008

Ein bisschen wehmütig schaue ich aus dem Fenster hinaus. So urplötzlich wie der Schnee über uns hereinbrach, so schnell ist er auch schon wieder verschwunden. .… Werde ich jemals wieder einen richtigen Winter erleben, so wie früher, als Kind? Sehnsüchtig denke ich zurück an damals, an wochenlange Winterfreuden, ans Schlittenfahren mit Freunden, … wie wir den mit Schnee beladenen Feldweg hinuntersausten, bis tief in den Wald hinein… Nicht so gern denke ich an den Tag, an dem ich als Schulkind beim Schlittern auf dem Eis ausrutschte, hinfiel, auf meine Zähne. Und von da an Jahre lang mit einem abgebrochenen Schneidezahn entstellt war, bis ich irgendwann einen „Stiftzahn“ bekam. ..Ach, ja, ich hab es überlebt… Ebenso wie ich meine `winterliche Trotzaktion´ überlebt habe, obwohl ich damals am liebsten im Erdboden versunken wäre…

 

Es war an einem Sonntag. Ich war zwölf Jahre alt. Damals verfügte noch nicht jedes Haus in unserem Dorf über einen Telefonanschluss. Genau genommen gab es nur zwei Telefone im ganzen Dorf und eines davon hatten wir. Sehr zu meinem Leidwesen. Denn immer wieder musste ich zu irgendwelchen Leuten im Dorf laufen, um sie an unser Telefon zu holen, weil jemand für sie angerufen hatte und auf Antwort wartete. So war es auch an diesem bewussten  Sonntag.

Ich sollte ins Haus nebenan gehen, um meinem Onkel Bescheid zu sagen, dass für ihn ein Anruf eingegangen war. Ich hatte aber keine Lust in die Kälte raus zu gehen, wollte lieber in meinem Zimmer bleiben und weiter Schallplatten hören und Poster aufhängen. Doch mein bockiges „Nein, ich geh nicht!“ - Gebrüll und auch die wütenden Trotztränen beeindruckten meine Eltern kein bisschen. Ich musste mich ins Unvermeidliche fügen.

Doch so leicht gab ich mich nicht geschlagen. Um die an mir verübte Ungerechtigkeit zu demonstrieren … zog ich meine gelb-roten Hochplateau-Sommerschuhe an und weigerte mich zudem, eine Winterjacke überzuziehen…  Und wenn ich mich nun erkälten oder mit meinen Sommerschuhen auf dem Schnee ausrutschen würde, dann wären das meine Eltern schuld, weil die mich bei dem eisigen Wetter raus schickten. Jawohl… - Und schwupps, war ich raus aus dem Haus, ehe mich jemand zurückhalten konnte.

Die besorgten „Du wirst doch wohl so nicht raus gehen?“ – Rufe nahmen meine Ohren mit Genugtuung auf. Und das Gefühl des Triumphes wärmte mich auf meinem Weg, so dass ich die Winterjacke tatsächlich nicht vermisste. `Eine gelungene Darbietung, ein super Abgang, Wally, das war bühnenreif´, applaudierte es in mir. Ich war stolz auf mich.  Tja .. und so kam es, wie es kommen musste…ich hatte es ja förmlich `herbeigerufen´…

 

Kaum auf der Straße angekommen, knickte ich im dicken Schnee weg und fiel hin. Blieb einen Moment liegen, überlegte, ob ich diese Situation für einen zusätzlichen  `Dramenakt´ nutzen sollte, um so die Ungerechtigkeit meiner Eltern noch stärker hervorzuheben. Aber weil mir auf einmal kalt wurde, entschied ich mich dafür, lieber schnell aufzustehen und meinen Auftrag hinter mich zu bringen. Also stand ich auf.

Und fiel sofort wieder hin, auf meinen Allerwertesten. Aua!

Drei weitere Aufsteh-Versuche endeten ebenso mit dem Po im Schnee. Ich verfluchte mich insgeheim, dass ich so kindisch trotzig gewesen war, mit meinen Sommerschuhen in den Schnee hinaus zu gehen. Langsam wurde ich wütend. Weil ich mir so albern vorkam. Hoffentlich sah mir keiner zu. Voll peinlich, dass ich immer wieder in den Schnee fiel… Und seltsam, dass mein linker Fuß auf einmal mit den Zehen nach rechts zeigte…

Und dann ging alles sehr schnell. Ich erlebte es, als wäre es ein Traum, der im Zeitraffer ablief.

Die Nachbarin von gegenüber kam aus ihrem Haus gelaufen, rief irgendwas zu mir, lief dann zum Haus meines Onkels, der kam eilig angerannt, hievte mich auf seine kräftigen Arme, ächzte dabei schwer – was kein Wunder war, bei meinem Moppel-Gewicht – legte mich bei uns zu Hause in einem Sessel ab mit den Worten: „Ich glaub, die hat den Fuß kaputt“ und erledigte dann, wo er schon mal hier war, auch sein Telefongespräch.

Von dem was danach passierte, weiß ich nicht mehr viel. Nur noch, dass meine Mutter den Arzt im Krankenhaus zu belehren versuchte, dass mein Fuß nicht gebrochen, sondern nur stark verstaucht wäre, woraufhin der Arzt sich genötigt fühlte, seine Berufsehre vehement zu verteidigen und mehrfach, immer lauter werdend darauf beharrte, dass der Fuß ganz klar gebrochen wäre, sogar schwierig gebrochen, er müsse operiert werden.

Mir war, als würde ich einem erbitterten Hahnenkampf zusehen. Irgendwann war der Kampf ausgefochten. Der Arzt hatte gewonnen. Meine Mutter weinte. Ich weinte auch, obwohl ich nicht so recht wusste, warum. Das wurde mir erst klar, als ich auf dem OP Tisch lag und vor Angst zitterte, Angst vor der Operation, Angst vor wochenlangem Krankenhausaufenthalt, Angst, vielleicht an Weihnachten nicht zu Hause zu sein.

Nach drei Wochen Liegegips wurde mir vom Oberschenkel an bis zu den Zehen ein Gehgips angepasst. Damit durfte ich endlich wieder nach Hause, kurz vor Weihnachten.

Im Januar hieß es in der Zeitung, es wäre der „Winter der gefallenen Mädchen“, denn ungewöhnlich viele Frauen und Mädchen hätten in diesem Winter Bein- Fuß oder Armbrüche erlitten.

 … So wurde ich zu einem `gefallenen Mädchen´… und nicht nur auf meinen gebrochenen Fuß bezogen. Denn durch dieses Erlebnis war auch die Trotzmauer in mir gefallen,  der kindische Trotz endgültig gebrochen. Zum Glück. Denn dadurch wurde ich vermutlich vor weiteren unsinnigen Handlungen bewahrt. Wer weiß, was mir sonst noch so alles passiert wäre…

 

Ich wende mich vom Fenster ab. Lächle. Niemals geht man so ganz, heißt es. Stimmt. Denn der Trotzkopf in mir hatte sich nicht einfach in Luft aufgelöst, wie ich mittlerweile weiß. Er hat nur geschlafen und sich später eine neue Bleibe gesucht. Treibt jetzt im Kopf meiner Tochter ihr Unwesen. Manchmal. Obwohl sie jetzt schon vierzehn Jahre alt ist, sind ihre Trotzausbrüche nicht weniger geworden… Besser, ich entferne ihre Sommerschuhe aus dem Schuhschrank und verstecke sie im Keller. Man weiß ja nie…

 

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Hast auch du Erinnerungen an Erlebnisse im Schnee? Bestimmt, denn ich weiß, du liebst den Schnee. Erzähle uns von dir … Martina.

Wally

Zweiter Versuch: Domino

Sonntag, November 23rd, 2008

Liebe Freunde des blauen Buches,

ein Jahr und fast drei Monate nach dem ersten starte ich einen neuen Versuch zu einem “Zufallsbuch” rund um die Welt. Während ich letztes Mal jedoch ein jungfräulich leeres Buch auf die Reise geschickt habe um Inhalt zu sammeln, mache ich diesmal den zweiten vor dem ersten Schritt. Den Inhalt suche ich per Mails, die wie ein Dominospiel immer weiter gehen sollen, und das Buch liefere ich nach, sobald sich die Sache zu einem gewissen Umfang gemausert hat. Vorausgesetzt natürlich, es sammeln sich qualitative, spannende und informative Berichte. Aber ich bin sicher, jeder Mensch hat etwas zu erzählen, das andere interessieren könnte. Je weiter die Mail-Kette geht, desto packender könnte es werden.

Hier also die Spielregeln:

1. Dieser Brief kommt als Mail zu dir. Die Kopie kannst du im www.blauer-buchblog.de lesen.
2. Du schreibst eine Antwort oder Ergänzung oder Fortsetzung oder eine neue Fragestellung, etwas aus deinem (Er-)Leben gerade jetzt, aus der Erinnerung oder deinen Träumen.
3. Du schickt deinen Text als Mail an eine Person, von der du denkst, sie würde gerne mitmachen und die Kette nicht abreissen lassen.
4. Die Kopie davon kommt als Cc an
bdt@sunrise.ch. Sie wird im Blog für alle Blogleser sichtbar ein. Die Adressen bleiben unsichtbar, um Missbrauch zu verhindern.
5. Auf jeder Mail, die so weitergeht, sind diese Spielregeln sowie die Mail- und Blogadresse sichtbar. So können alle jederzeit die Fortsetzung “ihrer” Geschichte mitverfolgen.

Nun “verlege” ich also meine erste Mailgeschichte! Ich sitze gerade in meinem Arbeitszimmer unter dem Dach. Draussen regnet’s in den letzte Nacht frisch gefallenen Schnee hinein und der Wind bläst ordentlich ums Haus. Das erinnert mich an den Tag, als der Sturm Lothar durch die Schweiz fegte und einzelne Dächer von den Häusern riss. Ganze Waldgebiete wurden umgefegt, als wären es Dominosteinchen. Ich sass mit meinem Freund auf einem Sessel-Skilift, als es begann und war heilfroh, als wir nach etlichen Stopps oben angekommen waren. Währenddessen waren meine Kinder bei ihrem Vater. Er wollte mit ihnen in eine Waldhütte fahren, kurvte um den ersten und den zweiten gefallenen Baum noch herum, schob den dritten zur Seite und sagte erst beim vierten, es sei wohl besser, zu wenden. Davon erzählen die Kinder heute noch. Wir hatten alle Glück. Und wenn ich seither den Wind ums Haus pfeifen höre, hoffe ich einfach, dass das Dach hält!

Viel Spass beim Weitererzählen… Wally

Dodo